Während die Flusslandschaften der Cairngorms oft von breiten eiszeitlichen Trogtälern geprägt sind, haben sich der River Dee und sein Nebenfluss der River Quoich stellenweise tief in die Spalten des Urgesteins eingegraben. Sie formen dort enge, oft mehrere hundert Meter lange, schmale, felsige Schluchten. Die glatt ausgeschliffenen Felsen und Strudeltöpfe („potholes“) zeugen von der enormen Kraft des Wassers, das hier besonders bei Hochwasserständen spektakulär durch die enge Klamm schießt.
Einen Überblick über den Cairngorms Nationalpark gibt es hier: Die Cairngorms
Mar Lodge Estate
Mar Lodge Estate ist seit 1995 im Besitz des National Trust for Scotland und ein Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung. Es umfasst eine Fläche von 290 km² im Herzen des Nationalparks. Im Bereich des Anwesens finden sich die höchsten Gipfel der Cairngorms, sowie die beeindruckenden Schluchten des Linn of Dee und Linn of Quoich.
Für Besucher unterhält der National Trust die beiden Parkplätze am Linn of Dee und Linn of Qouich mit Übernachtungsmöglichkeit für Campervans, Toiletten und einem Rangerservice, sowie verschiedene ausgeschilderte Wanderwege. Im ehemaligen Herrenhaus des Anwesens gibt es Ferienwohnungen und eine Gruppenunterkunft.
Auf den Ländereien des Mar Lodge Estate werden umfangreiche Renaturierungsmaßnahmen durchgeführt. Darunter die Aufforstung der ursprünglichen Wald- und Heidelandschaft, die Wiederherstellung der Moorgebiete und den Schutz seltener Tier- und Pflanzenarten.

Persönliche Erlebnisse
Vor einigen Jahren hatten wir schon einmal einen Versuch in Richtung der Cairngorms gestartet, sind nach Kingussie und Aviemore gefahren und gleich wieder geflüchtet. Zu voll, zu touristisch. Nun wollen wir es noch einmal versuchen. Wie in Rannoch Moor: Von der anderen Seite. Uns über den Süden und Osten nach Norden schließlich bis Aviemore vorarbeiten – diesmal wohl wissend, was uns in einem der Hauptzentren des Cairngorm Tourismus erwarten wird.
Aber auch diesmal macht es uns dieser Landstrich nicht leicht. Es ist anders hier, als in den Tälern aus denen wir gerade kommen. Gegenüber der Rauheit der Cairngorms wirken sie geradezu lieblich – auch wenn mir dieses Wort bei der Beschreibung einer Landschaft in den Highlands bisher eher nicht in den Sinn gekommen wäre.
Von Loch Tummel fahren wir nach Pitlochry und von dort eine kleine Straße Richtung Blairgowrie. Als wir bei Kirkmichael nach Norden Richtung Braemar abbiegen, türmen sich die ersten felsigen, mit Heidekraut bewachsenen, majestätischen Hügel vor uns auf.
Schon beeindruckend im ersten Moment, im zweiten dann auch irgendwie abweisend, eintönig. Die Andersartigkeit dieser Landschaft gegenüber dem, woher wir kommen, visuell und energetisch, müssen wir erst einmal verdauen.
Es ist eine Hochgebirgslandschaft mit arktischem Klima. Karg, wild, Schottische Kiefern und Fichten, Heidelbeeren und Heidekraut. Die raue Schönheit lädt einen nicht einfach so ein. Man muss sich herantasten, sich hineinarbeiten, sich einlassen. Es braucht seine Zeit.
Braemar ist ein Touristenzentrum für Outdoorsport, aber winzig. Unterkünfte, ein paar Cafés, Kneipen und ein Outdoorshop, das war’s auch schon. Bis zum Linn of Dee fährt man dann noch eine ganze Weile Single Track, flussaufwärts durch das breite Tal.
Der große Parkplatz mitten im Wald am Linn of Dee ist nicht unbedingt schön, aber erfüllt seinen Zweck. Hier darf man für ein paar Pfund offiziell im Camper übernachten, was von vielen gerne in Anspruch genommen wird. Auch Toiletten sind vorhanden. Tagsüber gibt es einen Ranger Service und eine Hütte mit Informationen zur Location und den Wanderwegen.

Linn of Dee
River Dee entspringt im Dreieck der drei höchsten Gipfel der Cairngorms zwischen Ben Macdui (dem zweithöchsten Berg Großbritanniens), Carn Toul und Braeriach, alle um die 1300m hoch und durchquert den Nationalpark in west-östlicher Richtung. Meist fließt der Fluss in einem flachen felsigen Flussbett unspektakulär durch breite Täler in der weiten Heidelandschaft. Doch an manchen Stellen gräbt er sich in die Spalten des Granitgesteins. Dort bilden sich schmale, felsige Schluchten, in denen es brodelt wie in einem Hexenkessel. Eine solche ist der Linn of Dee. Ziemlich spektakulär. Das Schauspiel versöhnt mich innerhalb kürzester Zeit mit den Cairngorms und dem nicht so attraktiven Schlafplatz und weckt meine Begeisterung.
Gleich nach unserer Ankunft haben wir den Rundweg am Linn of Dee gemacht, mit einem Abstecher in die weite Heidelandschaft – und sind richtig angekommen.

Lui Water
Direkt vom Parkplatz aus, gibt es einen weiteren Rundweg, der einen Seitenarm des Dee, Lui Water, mit weiteren Wasserfällen erschließt. Dieser ist unser Ziel für den nächsten Tag. Zuerst geht es durch den angepflanzten Fichtenwald bergauf, bis wir schließlich auf Lui Water treffen. Hier säumen mächtige, alte schottische Kiefern die Flussufer.
Der National Trust for Scotland betreibt auf dem Gelände des Mar Lodge Estates, zu dem auch Lui Water und der Linn of Dee gehören seit Jahrzehnten Aufforstung. Ursprünglich mit Fichten und schottischen Kiefern. Man stellte aber schnell fest, dass die gebietsfremden Fichten keinen Nutzen für das Gesamtökosystem hatten und versucht nun den Fehler zu korrigieren. Die Fichten werden ausgedünnt und weitere heimische, schottische Kiefern, die in früheren Zeiten ganz Schottland bedeckten, angesiedelt. Es sind beeindruckende, wunderschöne Bäume, die der Landschaft einen ganz eigenen Charakter geben.
Vorbei an einer Fischtreppe und Wasserfällen, wandert man auf idyllischen Pfaden den kleinen Fluss entlang. Dann lädt eine felsige Insel im Fluss zur Mittagsrast ein. Das Gestein bildet natürliche Treppenstufen und mit einem einfachen Sprung ist man drüben. Direkt vor der Insel, die den Fluss teilt, rauscht ein weiterer Wasserfall. Zum Nachtisch gibt es Heidelbeeren, die hier überall wachsen und gerade reif sind.
Eine Gruppe Japaner lagert ebenfalls auf der Insel und beobachtet mich beim Sammeln. Sie fragen mich nach den Beeren, ob das Heidelbeeren seien und ob man das essen könne? Ich bejahe, aber sie trauen sich nicht so recht. Ein junger Mann will wissen, ob ich sicher sei und woher ich das wüsste. Ich lache, stecke mir ein paar in den Mund und sage: I am still alive.
Tatsächlich kann man Heidelbeeren mit Rauschbeeren verwechseln. Die sind leicht giftig, beziehungsweise der Pilz, der auf ihnen siedelt. Aber man bekommt höchstens ein wenig Übelkeit und ein bisschen Halluzinationen, nicht weiter tragisch (das sage ich ihm nicht).
Aber hier gibt es keine Rauschbeeren. Nur Heidelbeeren, Krähenbeeren und Preiselbeeren. Krähenbeeren schmecken einfach fad, aber alle sind sie essbar.
Nachdem wir zurück sind suchen wir uns am Nachmittag noch ein schönes Plätzchen mit Ausblick, wo sich der Dee malerisch durch das breite Tal schlängelt und beobachten die typischen schottischen Lichtspiele, die Sonne und Wolken veranstalten. Unser Parkplatz liegt ja leider mitten im unschönen Fichtenwald. Zum Schlafen o.k., tagsüber aber etwas dunkel und schattig.

Linn of Quoich
Nicht weit vom Linn of Dee liegt 6 km weiter am Ende der Straße, der Linn of Quoich. Wir haben wieder auf dem Parkplatz am Linn of Dee übernachtet und wollen den Weg dorthin mit dem Fahrrad zurücklegen. Es ist zwar eine Fahrstraße und es gibt dort auch einen Parkplatz, aber die schöne Strecke am Fluss entlang durch den Wald bietet sich geradezu an, nicht einfach mit dem Auto gefahren zu werden.
Und einmal wieder hat es sich gelohnt, die Fahrräder mitzunehmen. Am Parkplatz stellen wir diese dann ab und folgen dem kleinen Pfad flussaufwärts. Bis zum ersten Wasserfall ist es nicht weit. Doch die besondere Attraktion lässt noch ein wenig auf sich warten. „The Punchbowl“ ist eine Gletschermühle. In das fast kreisrundes Loch im Fels, wird das Wasser von unten hineingepresst.
Die meisten kehren dann hier um, aber wir wollen weiter, denn es soll noch zwei weitere Wasserfälle geben. Auf der Karte ist ein Pfad am Flussufer eingezeichnet, aber schnell wird es stellenweise sehr sumpfig. Der Pfad ist eng und abschüssig, aber egal, die Neugier ist stärker. Die Landschaft wird immer wilder. Nach dem zweiten Wasserfall könnten wir einfach umkehren, aber knapp zwei Kilometer weiter soll es laut Karte eine weitere Brücke über den Fluss geben.
Also warum nicht einfach weitergehen? Jetzt wird es allerdings richtig abenteuerlich. Wir sind definitiv in Schottland und nicht im Schwarzwald. Der Pfad ist stellenweise nur noch zu erahnen. Zum Teil führt er im Kiesbett des Flusses entlang, dann wieder komplett zugewachsen, durch das Dickicht junger Büsche und Bäume, auf und ab über Stock und Stein. Teile sind abgerutscht und man hangelt sich an den Stämmen der Büsche und jungen Bäume haltend irgendwie darüber hinweg. Aber immerhin, er ist immer noch da – meistens. Bis auf eine Stelle über sumpfiges Grasland, hier ist nur eine Spur zu ahnen, die möglicherweise ein bis zwei Menschen vor uns gegangen sind.
Die zwei Kilometer Wildnis ziehen sich, kosten Kraft, wir kämpfen uns Meter für Meter vorwärts. Stellen uns langsam die Frage, ob diese Brücke tatsächlich existiert, ob es womöglich doch nur eine Furt ist, oder wir schwimmen müssen? Der große Wanderweg durchs Tal führt auf der anderen Seite des Flusses entlang, viel weiter oben am Hang, dort müssen wir irgendwann, irgendwie hin und hoffentlich über die Brücke und auf dem Pfad, den die Karte zeigt und nicht durch den Fluss und quer durch den Sumpf…
Egal wo auf der Welt, schaffen wir es immer wieder, uns in solche Art Abenteuer hineinzumanövrieren…oder eigentlich bin das wohl vor allem ich und mein armer Mann muss es dann mit mir ausbaden. Das Abenteurerinnen-Gen hat sich wohl auch mit fast 60 Jahren noch nicht totgelaufen.

Irgendwann finden wir einen abgestorbenen Baumstamm im Nirgendwo für eine Mittagspause und es beginnt zu regnen. Zum Glück sind wir gut ausgerüstet und es ist nur ein kurzer Schauer. Dann geht es weiter durchs Gestrüpp. Hinter der Biegung des Flusses müsste doch jetzt die Brücke kommen, aber es kommt erstmal ein abgerutschter Steilhang am anderen Ufer. Selbst wenn wir hier über den Fluss kämen, würden wir den Wanderweg darüber nicht erreichen. Wir beginnen Witze zu machen über verschollene Wanderer, die vor uns versucht haben hier eine Brücke zu finden…
…und dann ist sie plötzlich da. Eine schöne, solide Holzbrücke mitten im Nichts, zu der etwas führt, was man mit viel gutem Willen einen Pfad nennen könnte, aber auf jeden Fall etwas, das der deutsche Wanderer so nicht kennt. Auf der anderen Seite tatsächlich ein richtiger Weg, der uns bald auf den Glen Quoich „Highway“ bringt, einen breiten Wanderweg. Dieser führt uns dann Gottseidank schnell und bequem zurück zum Parkplatz.
Ja, es war anstrengend und auch ein wenig aufregend, aber wunderschön. Es lohnt sich allemal hier ein wenig weiter zu gehen, als nur bis zur Punchbowl und man wird mit einem einzigartigen Erlebnis, in einer einzigartigen wilden Landschaft belohnt.
Auf dem Rückweg beginnt es wieder zu regnen und wir werden doch noch richtig nass, weil wir zu faul waren auf den letzten Metern die Regenhosen auszupacken. Und auch wenn es nur ein typischer schottischer Sprühregen ist – nass ist man damit trotzdem in Sekunden. Als wir dann an unserem gewohnten Aussichtspunkt, hoch über dem River Dee stehen, scheint aber schon wieder die Sonne und wir gönnen uns nach den Strapazen eine gute Tasse Kaffee mit Aussicht.
Mar Lodge Estate und Linn of Dee


























