Wer nach Schottland fährt, kommt kaum daran vorbei. Vor allem im Nordwesten, der von den Vertreibungen der gälischen Kleinbauern (Crofter), besonders betroffen war. Die Highland Clearances sind ein Grund unter anderen, warum wir heute überall in der Welt, vor allem in den USA, Kanada, Australien und Neuseeland, auf gälische Ortsnamen und schottischstämmige Bewohner treffen. Hier ein Auszug aus meinem Buch über die Highlands.
In Schottland trafen seit der Mitte des 11. Jahrhunderts zwei sehr unterschiedliche Welten aufeinander: die gälische Kultur des Hochlands und der westlichen Inseln, sowie die, der an England orientierten Lowlands. Doch mit dem Scheitern des ersten (1715) und zweiten (1746) Jakobitenaufstands begann schließlich der endgültige Niedergang des Clansystems und der gälischen Sprache und Kultur der Highlands.
Davor, über viele Jahrhunderte hinweg, hatten der König und seine Vertreter kaum Einfluss auf die Gebiete im wilden Nordwesten Schottlands und der Inseln, obwohl sie immer wieder versuchten ihre Macht dorthin auszudehnen. Hier herrschten die lokalen Clans und ihre Anführer nach den uralten Regeln der keltischen Gesellschaftsordnung und erst 1692 waren schließlich auch die Clanchiefs der Highlandclans gezwungen Wilhelm von Oranien, dem damaligen englischen König den Treueeid zu leisten.

1716 wurde dann nach dem ersten Jakobitenaufstand ein Gesetz erlassen, das den Highlandschotten verbot in der Öffentlichkeit Waffen zu tragen. Die an den Aufständen Beteiligten wurden enteignet und zum Teil in die Kolonien deportiert. So gingen große Teile des Hochlands in den Besitz von Engländern und Lowland Schotten über. Die Clans, die bereits während der Aufstände auf Seiten der Engländer gekämpft hatten, konnten zwar ihre Position ausbauen, passten sich aber schnell dem feudalen System an.
Nach der vernichtenden Niederlage von Culloden am 16. April 1746 verschärfte sich die Situation weiter dramatisch. Die gälische Oberschicht war zum großen Teil entmachtet oder deportiert worden. Es war verboten Gälisch zu sprechen, Dudelsack zu spielen oder die Highlandtracht (den Kilt) zu tragen. Die Kleinbauern, die als Pächter und unter dem Schutz ihres Clans seit Generationen das Land bestellten, waren damit der Willkür der Landbesitzer schutzlos ausgeliefert.
Im ursprünglichen Clansystem hatte jedes Clanmitglied ein Recht auf Land im Gebiet des Clans und die Felder wurden innerhalb einer Dorfgemeinschaft im sogenannten Runrig System gemeinschaftlich bewirtschaftet. Doch im Rahmen der Industrialisierung und des aufkommenden Kapitalismus machte die Gesellschaft einen tiefgreifenden Wandel durch. Immer mehr betrachteten sich auch die Clanchiefs der Highlands nicht mehr als Verwalter des Landes und Schützer seiner Bewohner, sondern als Eigner und Machthaber. Sie wurden Teil des britischen Adels und des Hoflebens, was entsprechende Kosten mit sich brachte, die durch das althergebrachte System nicht mehr erwirtschaftet werden konnten.

Im Zuge der zunehmenden Industrialisierung in Europa und steigender Preise für Schafwolle begannen dann ab ca. 1770 viele Gutsbesitzer, die gälischsprachige Bevölkerung von ihrem angestammten Land zu vertreiben, um neues Weideland für Schafe zu schaffen. Fairerweise muss man also einräumen, dass nicht nur Lowlandschotten und Engländer an den Vertreibungen beteiligt waren, sondern dass auch das ursprüngliche Clansystem inzwischen erodiert war. Das feudale System, indem einer herrschenden Klasse alles Land gehört und welche die absolute Gewalt über ihre Pächter hat, hatte auch in den Highlands längst Einzug gehalten.
So wurden Dörfer zerstört, die Häuser niedergebrannt, ganze Landstriche entvölkert und die Menschen gezwungen sich auf minderwertigem Land oder an den Küsten anzusiedeln um dort in Zukunft vom Fischfang zu leben. Viele wanderten freiwillig aus, weil sie in Schottland keine Zukunft mehr für sich sahen. Andere wurden auch unter Zwang in die Kolonien nach Kanada, Amerika, Neuseeland oder Australien verschifft.
Die land- und mittellosen Kleinbauern hatten keine Lobby, das Clansystem, das sie bisher schützte war praktisch zerstört. Gälische Sprache und Kultur galten als minderwertig und wurden von den Gutsbesitzern und ihren Verwaltern oft brutal unterdrückt. Ob man hier von einer Art ethnischen Säuberung sprechen kann, ist umstritten. Selbst wenn die Motive ursprünglich primär wirtschaftlicher und finanzieller Natur waren, spielten wohl alte Fehden und kulturelle Unterschiede zwischen Highlands und Lowlands, beziehungsweise dem britischen Establishment und der keltischen Kultur, ebenso eine gewisse Rolle. Doch ganz sicher sind bis heute die Vertreibungen ein kollektives Trauma der Highlandschotten.

In der offiziellen Lesart werden meist finanzielle Zwänge und die Notwendigkeit zur Modernisierung der Landwirtschaft in einer neuen Zeit als Gründe für die Vertreibungen angeführt. Doch wenn die finanziellen Zwänge hauptsächlich darin bestanden, einen aufwändigen Lebensstil am englischen Hof zu finanzieren, ist das wohl ein menschlich gesehen recht fragwürdiger Zwang. Und auch die Modernisierung der Landwirtschaft hätte sicher sozialverträglicher in die Wege geleitet werden können.
Diesen Aspekt einer sich verändernden Welt gibt es sicher – und tatsächlich wird er in so manchen einseitigen Darstellungen der Clearances gerne vergessen, aber trotz allem bleibt die offizielle Darstellung eine ganz typische Art und Weise der Geschichtsschreibung der herrschenden Klasse, die ihrerseits pikante Aspekte ausblenden möchte. Denn es ist genau diese Geschichte, die der Duke und die Duchess of Sutherland, einer der grausamsten Akteure in der Geschichte der Vertreibungen, seit jeher erzählt haben um ihr Verhalten zu rechtfertigen. Ihr prachtvolles Schloss, Dunrobin Castle bei Golspie ist jedoch zweifellos auf dem Blut, dem Leid und den Tränen tausender Vertriebener gebaut, die ihre Heimat verlassen mussten.
Der Crofters Act
Erst 1886 endete diese brutale und menschenverachtende Praxis mit der Verabschiedung des Crofters’ Holdings (Scotland) Act. Dieses Gesetz gewährte erstmals die Sicherheit der Pachtverhältnisse für die Crofter, solange sie die Pacht bezahlten und das Land bearbeiteten, sowie die Erblichkeit des Pachtverhältnisses.
Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings die gälische Kultur und Sprache bereits fast ausgestorben und die Bevölkerung auf ein Zehntel ihres ursprünglichen Werts geschrumpft. Noch heute gehören die Highlands damit zu den am dünnsten besiedelten Gebieten Europas.
Die Ironie der Geschichte ist, dass der wirtschaftliche Boom, den die Schafzucht damals erlebte, nur wenige Jahrzehnte anhielt und auch die Schafe wieder aus den Highlands verschwanden. Das Land war inzwischen zum größten Teil im Besitz von wenigen Adligen und Großgrundbesitzern und die Schaffarmen wurden zum überwiegenden Teil in „Sporting Estates“, also Anwesen für die Jagd umgewandelt. Diese prägen die Landschaft der Highlands bis heute und beeinflussen massiv das ökologische Gleichgewicht und die wirtschaftlichen Perspektiven der Highlands. Für den Zeitvertreib einiger weniger reicher Menschen aus den Städten, wird hier ein hoher Bestand an Rotwild gepflegt, das die Wiederbewaldung der kahlen Hügel und damit eine größere Biodiversität verhindert.

Ein Denkmal mit dem Titel „Exiles“ erinnert in Helmsdale, Caithness an die Vertriebenen. In Bettyhill an der schottischen Nordküste erzählt außerdem, ein kleines Museum in der ehemaligen Dorfkirche, eindrucksvoll die Geschichte einer der brutalsten und massivsten Vertreibungen im Strathnaver, dem Tal des River Naver, der dort ins Meer mündet. Bettyhill selbst ist eine jener Siedlungen, die im Zuge der Umsiedlungen an der Küste entstanden.
Bettyhill ist eine Gründung der besagten Gräfin von Sutherland, Elisabeth, die der Siedlung auch ihren Namen gab. Ursprünglich hieß die Gemeinde „Farr“.
Nützliche Links
Das Denkmal
https://www.undiscoveredscotland.co.uk/helmsdale/emigrants/index.html
Strathnaver Museum, Bettyhill
https://www.strathnavermuseum.org.uk
Set Adrift Upon The World von James Hunter
https://www.euppublishing.com/doi/10.3366/nor.2019.0176
Wen das Thema ebenfalls anfasst. Es sollen zwei Filme entstehen: Über den Widerstand gegen die Vertreibungen in Coigach und das Strathnaver. Hier kann man spenden:
https://www.crowdfunder.co.uk/p/qr/6Wk0AA9n?utm_campaign=thanksShare&utm_medium=referral&utm_source=shortlink








