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Geschichten von Unterwegs

Praying Hands of Mary

Praying Hands of Mary wird im Volksmund eine beeindruckende Felsformation im Glen Lyon genannt. Es ist ein schöner Platz mit fantastischer Aussicht über das Tal. Man fragt sich unwillkürlich: Wer hat das hier wohl errichtet und warum, denn es ist kaum vorstellbar, dass die aufrecht stehenden Steine, die tatsächlich wie betende Hände aussehen, natürlichen Ursprungs sein sollen.

Wir sind gestern durch das Tal gefahren und haben in der Nähe von Brigde of Balgie übernachtet. Das Wetter ist heute ziemlich grau in grau und drängt uns nicht zu Unternehmungen. Wir haben mit dem Fionn’s Rock, der im Volksmund auch die Praying Hands of Mary genannt wird, noch einen Punkt auf der Liste, aber der läuft uns ja nicht davon ;-).

Schließlich starten wir dann doch vom Parkplatz in Innerwick mit dem Fahrrad ein Stück das Tal hinab, wieder Richtung Fortingall. Es ist großartig hier nicht nur mit dem Auto durchzurauschen. Mit dem Fahrrad erlebt man die Landschaft noch einmal ganz anders.

In Camusvranach biegen wir dann ab auf eine Schotterstraße nach Roroyere. Von all den Namen darf man sich allerdings nicht blenden lassen – das sind keine Dörfer, sondern meist nur ein Haus, maximal zwei. Diese sind allerdings oft große Anwesen mit parkähnlichen Gärten und ich hätte nichts dagegen, so mal eine Weile zu wohnen 😊.

An einer kleinen Brücke lassen wir die Fahrräder stehen und gehen zu Fuß weiter, ab hier ist die kleine Schotterstraße, die zu den Anwesen führt nur noch ein Weg und steigt stark an. Unser Ziel ist eine erstaunliche Felsformation am Hang des markanten konischen Hügels, des Creag nan Eildeàg. Wie eine Mutterbrust oder ein schwangerer Bauch dominiert er das Tal bei Bridge of Balgie und ist schon von Ferne sichtbar.

Die Felsformation mit dem Namen Praying Hands of Mary ist auf keiner Karte verzeichnet und auch schon seit Jahren auf meiner Bucket List. Ich habe Bilder davon in Schottlandforen gesehen und war gleich fasziniert. In einem Artikel über das Glen Lyon fand ich dann auch eine Wegbeschreibung. Aber werden wir sie auch finden? Wie gut ist die Beschreibung?

Zum Glück stellt sich der Autor des Artikels als recht zuverlässig heraus. Wir finden die angegebenen Wegmarken und tatsächlich erscheinen zur richtigen Zeit, die Spitzen der Formation über einem Hügel. Vom Weg aus sind sie leicht zu übersehen, aber wenn man darum weiß und danach Ausschau hält, sollte es kein Problem sein sie zu finden.

Hier müssen wir dann den Weg verlassen, der weiter am Fluss entlang bergan führt. Wir schlagen uns querfeldein durchs Heidekraut und über die Schafweide und irgendwann stehen wir dann direkt davor. Wow!

Beeindruckend stehen zwei große, aufrecht gestellte Steinplatten vor dem Hintergrund des Creag nan Eildeag, als ob sie ihm die Ehre erweisen würden. Und der Ausblick in die andere Richtung erst. Was für ein großartiges Schauspiel vor perfekter Highlandkulisse. Wir sind begeistert, das hier hat sich wirklich gelohnt.

Sofort stellen sich mir Fragen: Wer hat das warum hier platziert und wie hat er das geschafft? Denn es ist offensichtlich, dass dieses Ensemble nicht natürlichen Ursprungs sein kann und nicht zufällig hier steht. Es scheint ganz offensichtlich eine Sichtachse anzuzeigen, aber was wird, vom richtigen Punkt aus gesehen, zwischen den betenden Händen auftauchen? Ein Berg ist es nicht. Markante Spitzen jenseits des Spalts liegen nicht entsprechend. Also kann es eigentlich nur ein Himmelskörper, Sonne, Mond oder Stern zu einer bestimmten Zeit sein. Jetzt und hier kann ich das nicht herausfinden, also bleibt es erst einmal ein Mysterium.

Diesmal haben wir unser Essen dabei, so dass wir nicht wie am Steinkreis von Acharn, am perfekten Ort sitzen und hungern müssen 😊. Also sitzen wir und genießen. Alles. Unser Vesper, die großartige Aussicht und den großartigen Ort. Eigentlich will ich gar nicht mehr weg und verstehe nicht, warum es kein Hinweisschild gibt unten an der Straße und keinen Weg hierher. Das hier findet nur, wer weiß, dass es das gibt und recherchiert, wie er hinkommt. Aber vielleicht ist das ganz gut so. So ist der Ort fast so jungfräulich wie die namensgebende Mary.

Praying Hands of Mary
Praying Hands of Mary mit dem Craig nan Eildeag im HIntergrund

Die Touristen rauschen in ihren Autos sitzend durchs Glen Lyon bis zum Tearoom und lassen Marys betenden Hände in der Regel in Ruhe weiterbeten. Wen oder was auch immer sie anbeten. Die Ruhe, Weite und der Frieden dieses Ortes bleiben meist ungestört und die paar netten Menschen, die den Aufstieg und die Mühen auf sich nehmen, passen dann auch hierher und werden freundlich aufgenommen.

Schau, sagt Mary, oder die Cailleach, wie die Kelten sie nannten in ihrer Gestalt als Alte. Das ist mein Land. Ist es nicht wunderschön? Es braucht nicht viel zum Glücklichsein. Lass deine Seele ruhen in diesen Bergen, an diesen Flüssen, in diesen Tälern. Die Wolken kommen und gehen, der Fluss rauscht über große Felsbrocken zu Tal, ab und zu blökt ein Schaf und alles war gut, ist gut und wird gut sein.

Irgendwann müssen wir uns trennen. Der Weise muss zurückkehren vom Berg der Erkenntnis in die Welt der Menschen ;-). Die Fahrräder sind noch da, wo wir sie abgestellt haben und wir schaffen es gerade noch vor dem nächsten Regen wieder in unserem Van zu sitzen.

In dem Artikel, der mir den Weg zu den Praying Hands wies, erzählt der Autor auch vom Haus der Cailleach ganz am Ende des Tals. Dort wo wirklich niemand mehr hinkommt, jenseits des großen Stausees Loch Lyon an dem die Straße endet, in einem Seitental, das das Tal der Cailleach genannt wurde. Dort haben die Menschen früherer Zeiten der Cailleach ein Haus gebaut und wenn die Herden im Mai aufgetrieben wurden, wurden die Cailleach und ihre Familie aus dem Haus geholt. Sie standen dann dort über den Sommer und bewachten die Herden. Ende Oktober, beim Abtrieb wurden sie wieder ins Haus gebracht um Winterschlaf zu halten.

Bis vor wenigen Jahrzehnten hatte der Chefwildhüter des nahen Estates noch die Aufgabe, als Hüter der Cailleach, die heilige Familie zu betreuen. Nach seinem Tod, ist der alte Brauch dann vollends verschwunden.

Tour auf Komoot: Praying Hands of Mary (Fionn’s Rock)

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