Der Tag ist noch jung, obwohl wir schon viel erlebt haben und so fahren wir heute noch weiter ins Glen Lyon. Das hatte ich für die letzte Reise 2018 schon geplant, aber dann musste die Tochter unbedingt zum Glenfinnan Viadukt um den Harry Potter Zug zu sehen (obwohl sie Harry Potter nie gelesen hat) und wir haben um des lieben Frieden Willens Glen Lyon gestrichen.
Unser erstes Ziel ist der womöglich älteste Baum Europas: Die Eibe von Fortingall. Sie soll 5000 Jahre alt sein und ihr Stammumfang maß einmal 17 Meter. Heute sind nur noch Fragmente davon übrig, da immer wieder Besucher Teile des Baumes als Souvenir mitgenommen haben. Aber der in mehrere Einzelteile zerfallene Stamm ist immer noch vital. Inzwischen wird der Baum von einer Mauer geschützt. Schade, dass solche Maßnahmen immer wieder nötig sind. Dass Menschen immer und überall solche Wunder rücksichtslos zerstören. Leider kann man dem Baum nun nicht mehr wirklich nahekommen, aber auch so spürt man seine besondere Ausstrahlung.
Ich bekomme Gänsehaut, er (oder sie – Eiben können im Laufe ihres Daseins das Geschlecht wechseln) hat durchaus etwas Ehrfurchtgebietendes. Hier ist ein großes, altes Wesen, das unvorstellbar viel unserer Menschheitsgeschichte miterlebt und gesehen hat. Es stammt aus einer Zeit vor dem Bau der Pyramiden und des Steinkreises von Stonehenge und etwa aus der Zeit des Steinzeitdorfes von Skara Brae, das man auf Orkney unter einer Düne verschüttet, fast vollständig erhalten gefunden hat.
Kaum vorstellbar für uns kurzlebige Menschlein, das Alter dieses Baumes.

Rund um Fortingall findet man außerdem einige Steinkreise, stehende Steine und Tumuli, genauso am Loch Tay und rund um Kenmore. Neben der Eibe von Fortingall wurde eine Kirche gebaut, fast sicher, dass auch dieser Ort einmal ein alter Kultort gewesen ist.
Bridge of Balgie und zwei zauberhafte Wasserfälle
Von Fortingall aus fahren wir tiefer ins Glen Lyon. Es ist einer der einsamsten, schönsten und längsten Täler Schottlands. Das Tal wird beiderseits von mehreren über tausend Meter hohen Bergen eingerahmt, den Grampian Mountains. Diese haben wir bisher nur immer im Vorbeifahren auf der A82 bewundert. Der höchste ist, mit etwa 1200 Metern, Ben Lawers. Auf seinen ca. 50 Kilometern Länge gibt es im Glen Lyon nur 5 winzige Weiler mit etwas mehr als 100 ständigen Einwohnern.
Die kleine Straße ist eine enge Single Track Road, die in Pubil am Beginn des Loch Lyon endet. Etwa auf halber Strecke liegt Bridge of Balgie, das immerhin 6 Häuser und ein Pfadfinderzentrum zählt. Hier gibt es den einzigen kleinen Laden mit Tearoom und Postoffice im Tal. Außerdem zweigt eine weitere Single Track Road nach Süden ab, die an Ben Lawers vorbei, wieder zurück zum Loch Tay führt.
Ich habe mich sofort ins Glen Lyon verliebt. Der wilde Fluss, die spärlich bewachsenen runden Bergkuppen, die menschenleere Einsamkeit, die Stille und das Gefühl von Weite. Highlandfeeling pur.
Bis Anfang 19. Jahrhundert lebten noch über 1000 Menschen im Tal. Aber auch hier, wie fast überall in den Highlands, haben die Schafe die Menschen verdrängt – oder besser die Landlords, die mit den Schafen mehr Profit machen konnten, als mit den kleinen Pächtern, die seit Jahrhunderten das Land bewirtschafteten. Aber das Trauma und die Grausamkeiten der sogenannten Clearances, welche die schottischen Highlands zu der menschenleeren Gegend gemacht haben, die sie heute sind, sind eine Geschichte für sich….
Leider wird der Wanderparkplatz am Tearoom in Bridge of Balgie gerade renoviert und theoretisch ist die Durchfahrt zur Straße zurück zum Loch Tay gesperrt. Praktisch können wir jedoch durchfahren, aber leider dort nicht parken. Was tun? Parkmöglichkeiten sind in den Tälern meist rar, so auch hier und es bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterzufahren. Doch wenn dem nicht so wäre, würden wir uns hier sicher eine Tee- oder Kaffeepause mit Kuchen gönnen :-).
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Kurz nach Bridge of Balgie, noch auf dem Territorium das lokalen Meggernie Estate, finden wir dann zufällig noch zwei zauberhaften Wasserfälle. Inzwischen scheint sogar mal für einige Minuten die Sonne und es ist einfach nur schön. Wieder so ein typischer Highland Moment, der die Verbrechen der schottischen Art der Forstwirtschaft auf der gegenüberliegenden Straßenseite fast vergessen macht.
Hier werden ganze Wälder einfach abgeholzt. Katastrophal für die Natur und für uns immer wieder unverständlich. Hier hatte es Waldparkplätze und Wanderwege und es muss einmal wunderschön und idyllisch gewesen sein. Nun ein Bild der Verwüstung. Hier geht niemand mehr spazieren. Aber die Parkplätze gibt es noch.




















