„An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit …“ sangen die Toten Hosen 2012. Das fällt mir immer ein, wenn ich an diesen Tag unserer ersten Schottlandreise 2015 denke. Es war ein stiller Sonntag und auf der damals noch ganz „frischen“ North Coast 500 außer uns praktisch niemand unterwegs. Das Licht, die Landschaft, die Atmosphäre haben mich einfach weggeblasen. Es war „mindblowing“ wie man im Englischen so schön sagt. Für mich hat es sich auch nach vielen weiteren Reisen nicht abgenutzt und ich musste immer wiederkommen.
Zurück auf dem Festland – Die Nordküste von Gill’Bay bis Durness
Nach einigen fantastischen Tagen auf den Orkneys sind wir zurück auf dem „Festland“ – obwohl das hier eigentlich ja auch eine Insel ist. Alles ist eben relativ und im Vergleich zu dieser winzigen Insel ist es nun einfach das Festland…
Nachdem wir leider nur noch die 18.00 Uhr Fähre bekommen haben sind wir spät unterwegs. Wir fahren an der Nordküste entlang auf der A 836, unser Ziel ist Durness. Schnell stellt sich allerdings heraus, dass wir das wohl nicht mehr schaffen werden, obwohl es eigentlich nur ca. 80 km sind. Doch auf den Highlandstraßen kommt man nicht so schnell voran.
Thurso ist hier an der Nordküste das einzige Städtchen, ansonsten gibt es nur einzelne Gehöfte und winzige Weiler, dafür unglaublich viel Landschaft. Bei Strathy, auf etwa halber Strecke nach Durness stellen wir uns auf einen Parkplatz am Straßenrand mit Blick aufs Meer. Obwohl die A 836 die größte Straße weit und breit ist, ist hier um diese Uhrzeit sowieso kaum mehr etwas los, etwa alle halbe Stunde kommt ein Auto vorbei, und morgen ist Sonntag, das heißt, da werden wir am Morgen wohl auch unsere Ruhe haben. Nur um halb 11 stört nochmal ein Schwung Heimkehrer vom Pub oder sonstigen samstagabendlichen Aktivitäten kurz die Ruhe.
Am nächsten Morgen brechen wir nach dem Frühstückstee relativ schnell auf – fürs Frühstück wollen wir uns einen schöneren Platz suchen. Und insgeheim hoffen wir auf einen geöffneten Laden, für ein Baguette oder sogar Croissants zum Frühstück. In den Coops auf Orkney gab es das immer und die Croissants waren sogar ziemlich gut.

Aber die nordwestlichen Highlands sind nicht die Orkneys. Kurz nach unserem Schlafplatz wird die Landschaft immer rauer, wilder und einsamer. Die A 836, der die North Coast 500 Route folgt, wird zur Single Track Road.
Kilometerweit nichts als Felsen, Heidekraut, Moor und Himmel – ab und zu ein Blick aufs Meer. Gigantische Ausblicke auf unendlich weites Land. Berge und Klippen im wechselnden Licht von Sonne, Wolken und Regenschauern. Auf den 50-60 km zwischen Thurso und Tongue gibt es keinen Laden, keine Tankstelle – nichts als wilde Natur und ab und zu und eher selten ein paar kleine Häuser, die sich zwischen die Hügel ducken, als wollten sie sich vor dem Wind und der Weite verstecken. Keine Menschen, keine Tiere, keine Wege – nur diese kleine Straße, die sich in unendlichen Windungen durch die Einsamkeit schlängelt.
Für einen kurzen Moment erfasst mich fast ein Gefühl des Schreckens angesichts dieser Leerheit und Verlassenheit.
Der permanente Wechsel des Lichts setzt noch Eins drauf, ergibt eine dramatische Inszenierung dieser sowieso schon zutiefst beeindruckenden Landschaft. Nebelschleier, Regenschauer die am Horizont niedergehen, Sonnenstrahlen, die durch Wolkenungetüme brechen und in Sekundenschnelle wechselnde Bilder, wenn ein Berge oder Klippen durch ein Loch in den Wolken golden beleuchtet werden und wenige Minuten später bereits wieder im Dunst verschwunden sind.
Das Wetter ist heute nicht, was man im Allgemeinen gut nennt, aber bloßer Sonnenschein würde dieser Landschaft auch nicht gerecht, geht mir so durch den Kopf.
Wir sind fasziniert und vergessen vollständig, dass wir doch eigentlich frühstücken wollten. Wir kommen noch langsamer voran, als die einspurige Straße es zulassen würde, da wir immer wieder anhalten müssen um die Ausblicke und Stimmungsbilder zu genießen und Fotos zu machen.
Dumm nur, dass unser Benzin ein wenig knapp ist. Würde es notfalls reichen bis Durness? Die Karte hatte mir nicht enthüllt, wie einsam es hier wirklich ist. Da standen doch Ortsnamen alle paar Kilometer. Dass es sich dabei nur um Einzelgehöfte oder kleine Weiler mit wenigen, weit verstreuten Häusern handeln könnte, überforderte mein mitteleuropäisches Vorstellungsvermögen. Die Weite und Einsamkeit dieser Landschaft liegt jenseits unseres bisherigen Erfahrungshorizonts.
So stellt sich uns nun die Frage, ob es vor Durness überhaupt noch irgendwo eine Tankstelle gibt. Uns kommen immer mehr Zweifel. Unsere Phantasie schlägt Purzelbäume und beglückt uns mit Vorstellungen davon wie es wohl wäre, hier im Nirgendwo ohne Benzin liegenzubleiben…

Tongue
Schließlich erreichen wir Tongue. Auch dies nur ein winziges Dorf, aber immerhin ein Dorf. Tatsächlich gibt es einen kleinen Laden mit Tankstelle. Erleichterung. Da Sonntag ist, hat er allerdings erst ab 12:00 Uhr geöffnet und wir müssen warten. Macht nichts, nun gibt es endlich Frühstück und wir sind einfach nur froh, dass wir hier unseren Tank auffüllen können.
Der Laden ist am Sonntagmittag gut gefüllt. Einheimische und ein paar Touristen decken sich mit dem Nötigsten ein. In den kleinen Dörfern in Schottland gibt es meist Spar Läden, so auch hier. Irgendwie seltsam diesen aus Jugendjahren vertrauten Schriftzug hier so weit weg am Ende der Welt zu sehen.
In den Dorfläden gibt es alles was man zum Überleben braucht und noch etwas mehr. Jeder bietet seine eigene kleine Überraschung: Hier sehr leckere Kekse, später in Durness wird es sogar einige Fair Trade und Organic Artikel geben und ein unerwartet gutes Müsli, von dem ich im Nachheinein gerne noch mehr gehabt hätte. Generell darf man allerdings nicht zu viel erwarten. Frischwaren gibt es nur das Nötigste, oft nur in Plastik abgepackt, das Brot ist in der Regel eine ungenießbares pappiges Etwas.
Generell gibt es Fertigprodukte in Massen, aber Bio ist in Schottland kaum zu bekommen. Größere Supermärkte haben vielleicht mal Bio-Äpfel, aber das war´s auch meistens schon. Aber wenn man wenig erwartet, wird man doch immer wieder positiv überrascht.
Kurz nach Tongue überqueren wir auf einem Damm den Kyle of Tongue, einen der vielen Meeresarme, der sich mehrere Kilometer ins Landesinnere erstreckt. Dort ist nicht ohne Grund ein Parkplatz eingerichtet auf dem eigentlich wohl alle Reisende anhalten, es sei denn sie sind blind und völlig unzugänglich für landschaftliche Schönheit. Von hier aus hat man einen gigantischen Blick über die Bucht und in die Berge. Man sieht den 826 Meter hohen Ben Hope auf der einen Seite, auf der anderen ein weiteres Massiv dessen Namen meine Karte nicht nennt.
Der Wind bläst uns fast um, die Wolken ziehen mit rasender Geschwindigkeit und ebenso rasant ändern sich die Lichtstimmungen über dem Wasser der Bucht und den Bergen. Im Sekundentakt wechseln die Bilder und bevor man den Foto startklar hat, sieht alles schon wieder völlig anders aus. Wir stehen mindestens eine halbe Stunde hier und betrachten einfach diese unglaubliche Szenerie – das ist besser als jeder Kinofilm.
Doch noch ist der Tag nicht auf seinem Höhepunkt. Nach dem Kyle of Tongue queren wir eine bergige Landzunge. Auf der Höhe ein See mit malerischen kleinen Inselchen. Felsen schauen weiß aus dem grünen Gras und hinter dem Hügel sieht man bereits wieder das tiefblaue Meer und die Klippen. Sonnenflecken zaubern intensiv leuchtende Tupfen in dieses zauberhafte Panorama.

Hinter der nächsten Kurve dann plötzlich ein weiterer Meeresarm: der Loch Eribol. Dieser ist geologisch interessant, denn er teilt zwei geologische Formationen. Die Berge auf der Ostseite bestehen aus Kalk, auf der Westseite herrscht Gneis vor. Entsprechend unterschiedlich ist die Vegetation und das Landschaftsbild. Während es auf der Ostseite üppig grünt, herrscht auf der anderen Seite Kargheit und Heidekraut.
Die Straße umrundet den Loch Eribol komplett und das Wetter spielt wieder einmal die Hauptrolle bei einer dramatischen Inszenierung. Wir erleben in einer halben Stunde alles, von blauem Himmel mit weißen Wolken und dem Licht das auf den Hügeln spielt, über bleigrauen Himmel, Regen und dichten Nebel. Am Ende des Lochs erwartet uns dann noch ein doppelter Regenbogen, bevor wir ans andere Ufer wechseln.
Und wenn man dann glaubt, es geht jetzt nichts mehr rein, der Speicher an Eindrücken ist randvoll, dann setzen die nordwestlichen Highlands tatsächlich noch Eins drauf.
Nach Loch Eribol beginnt bis einige Kilometer bis Durness ein wirklich zauberhafter Küstenabschnitt mit kleinen Buchten, weißen Sandstränden, türkisblauem Wasser und orange- bis dunkelroten Felsen. Man erwartet es nicht hier im hohen Norden, aber Schottland hat gerade hier und auf den Inseln kilometerweise unglaublich schöne Strände.
Unser Tag endet schließlich auf dem berühmten Campingplatz auf den Klippen mit einem fantstischen Regenbogen. Was will man mehr!

Die North Coast 500 heute
Die North Coast 500 wurde im März 2015 vom Tourism Project Board der North Highland Initiative (NHI) ins Leben gerufen um den Tourismus im Norden Schottlands zu fördern. Schon im selben Jahr wurde die Route vom Now Travel Magazine auf den fünften Platz in der Liste der „Top 5 Coastal Routes in the World“ gewählt. Das Projekt war also sehr schnell äußerst erfolgreich.
Das hat auch seine Schattenseiten, weil die Infrastruktur dieser abgelegenen Gegenden nicht wirklich Schritt halten kann. Vor allem während der Coronazeit, wurde Schottland von Bürgen aus UK, die nicht mehr nach Zentraleuropa reisen konnten überrannt. Das hat Spuren hinterlassen.
Umso wichtiger ist ein verantwortungsbewusstes, sensibles Verhalten, wenn man diese wirklich schöne Route bereisen möchte!
Hierzu gibt es inzwischen auf der Webseite der North Coast 500 eine Art Selbstverpflichtung, „The NC500 Visitor Pledge“ an der man teilnehmen kann:
https://www.northcoast500.com/visitor-pledge
Einige sehr wichtige Infos für Wohnmobile und Campervans sind hier sehr gut zusammengefasst:
https://www.northcoast500.com/top-tips-hitting-route/motorhomes-and-campervan-advice/



















