Gefühlt alle Schottlandreisende besuchen Loch Ness und eigentlich verstehe ich nicht ganz warum. Möglicherweise ist er einer der langweiligsten Seen in den schottischen Highlands. Er ist land, er ist tief und soll ein Monster beherbergen – und das war’s dann eigentlich auch schon. Ansonsten gibt es Busladungen voller Toouristen. Wir fahren dort eigentlich nur, wenn wir möglichst schnell von Fort William weiter in den Norden wollen.
Viel interessanter wird es, meiner Meinung nach, wenn man in Drumnadrochit den Touristenrummel um Nessi hinter sich lässt und in Richtung Cannich abbiegt. Die kleine Straße bringt einen zu einigen einsamen und landschaftlich wunderschönen Tälern. Nach dem Besuch kann man dann durch das ruhige und liebliche Tal des River Bealy direkt weiterfahren nach Inverness.
Glen Affric
Das Glen Affric gilt als eines der schönsten Täler Schottlands. River Affric durchfließt hier das Tal und zwei Seen: Loch Beinn a’ Mheadhoin und weiter hinten Loch Affric. Die Straße erschließt etwa die Hälfte des Tals bis zum Beginn von Loch Affric. Von Cannich aus wird das Tal von langgestreckten, flachen Hügeln flankiert, gegen Westen gewinnt die Bergwelt an Höhe und Dramatik. Seit der Highland Clearances ist das Tal praktisch unbewohnt.
Glen Affric ist ein Natur- und Landschaftsschutzgebiet und wird von der Forestry Commission Scotland verwaltet. So gibt es drei kostenpflichtige Parkplätze mit Picknickplätzen, Toiletten, Infotafeln und einigen hübschen Rundwegen.

Am Meallan Viewpoint Trail
Dieser führt bergauf durch urigen Wald mit bemoosten, uralten Birken, Farn und Heidekraut zu einem wunderschönen Aussichtspunkt. Solch knorrige, alte Birken habe ich bisher überhaupt noch nirgendwo gesehen. Sähe man die Blätter nicht, könnte man sie vom Habitus her fast für Eichen halten. Am Aussichtspunkt auf der Hügelkuppe überblickt man fast das gesamte Tal mit beiden Seen, dem Fluss und im Westen den Bergen von Kintail. Das Grün des Waldes, das Violett des Heidekrauts, das Blau des Sees und des Himmels sowie die blaugrüngraue Silhouette der über tausend Meter hohen Berge im Hintergrund fügen sich zu einer reizvollen Symphonie von Formen und Farben, so weit das Auge reicht, ungestört aller Anzeichen menschlicher Zivilisation.

Der River Affric Trail
Ein weiterer sehr attraktiver Spaziergang ist der River Affric Trail. Er führt durch den Wald abwärts zum River Affric und am Flussufer, zwischen den beiden Seen entlang. Je nachdem, wie gut man zu Fuß ist, kann man zwischen einer wilderen Variante, die über Stock und Stein direkt am Ufer entlangführt und einer gemütlicheren auf guten Wegen, wählen.
Eine Besonderheit des Glen Affric sind seine Wälder. Hier findet man den größten Bestand an Waldkiefern in Schottland und ein gutes Beispiel für den ursprünglichen kaledonischen Wald, wie er früher ganz Schottland bedeckte: ein Mischwald aus Birken, Eichen und Kiefern.
Glen Affric ist außerdem Teil des Affric-Kintail-Trail, einem Weitwanderweg in 4 Etappen, der von Drumnadrochit am Loch Ness über Cannich, das Glen Affric bis nach Morvich in Kintail führt. Übernachten kann man zwischen der dritten und vierten Etappe in der abgelegenen Jugendherberge Altbeithe mitten in den Bergen.
Loch Affric
Loch Affric liegt am westlichen Ende von Glen Affric. Der See ist naturbelassen, etwa 5 Kilometer lang und bis zu einem Kilometer breit. Ein rund 18 Kilometer langen Rundweg führt einmal um den See und bietet wilde Natur, fantastische Ausblicke auf die Berge von Kintail und vollkommene Einsamkeit.

Webseite zu den Rundwegen im Glen Affric
Tomich
Der kleine, malerische Ort Tomich liegt in einem Seitental des Glen Affric und ist ein hübscher Ort. Graue Steinhäuser im viktorianischen Stil mit geschnitzten holzverzierten Giebeln, die Straße säumen schmiedeeiserne Straßenlaternen. Wie viele Menschen tatsächlich das ganze Jahr über in Tomich leben, ist nicht ganz klar und viele Häuser werden sicher als Ferienunterkünfte genutzt.
Plodda Falls
Etwa 5 km nach dem Ort liegen die beeindruckenden Plodda Falls auf dem Gelände des ehemaligen Herrenhauses Guisachan House. Der letzte Ab-schnitt der Straße ist ein unbefestigter Waldweg, aber gut befahrbar, bis zu einem Waldparkplatz. Von dort aus gibt es einfache Rundwege zu den Wasserfällen und am Fluss entlang. Der größere stürzt 46 Meter senkrecht in die Tiefe und gehört damit zu den höchsten Wasserfällen in Schottland. Schon 1880 wurde eine erste Aussichtsplattform direkt über dem Wasserfall errichtet, diese dann 2009 erneuert.
Die Umgebung ist außerdem berühmt für ihre riesigen Douglasien, die teils über 100 Jahre alt sind. Einige dieser Bäume zählen zu den höchsten Nadelbäumen Großbritanniens und sind über 50 Meter hoch.











