Ein Thema, das immer und überall wieder hohe Wellen schlägt, ist die Frage, ob das Freistehen in Schottland erlaubt ist. Da geht es dann schnell recht ruppig und unfreundlich zu, zwischen denjenigen, die es einfach mögen frei und spontan unterwegs zu sein und denen die das total blöd und unangebracht finden.
Angesichts der letzten Diskussionen auf Facebook, habe ich mich dann mal tiefer da hineingekniet – und eigentlich ist es relativ einfach – und dann doch wieder nicht. Aber lest selbst.
Inhalt
Das Missverständnis
Da ein großer Teil des Landes in Schottland in Privatbesitz ist, regelt der Scottish Outdoor Access Code den Zugang zum Land für Privatpersonen. Dies gilt für Freizeitaktivitäten wie Wandern, Klettern oder auch das Übernachten im Zelt.
Der Scottish Outdoor Access Code basiert auf drei Grundprinzipien
- Respektiere die Interessen anderer.
- Schütze die Umwelt.
- Übernimm Verantwortung für dein eigenes Handeln.
Er basiert also auf einer Art Übereinkunft zwischen Landbesitzern und Outdoorenthusiasten, dass man auf die gegenseitigen Interessen und den Naturschutz Rücksicht nimmt.
Mehr zu den genauen Richtlinien findest du hier: https://www.outdooraccess-scotland.scot/
Doch dieses „Right to roam“ oder Recht auf Zugang, auch zu privatem Grund, führt immer wieder zu Missverständnissen, denn er gilt nicht für das Übernachten in einem Fahrzeug!
Auch wir sind immer wieder auf andere Womoreisende getroffen, die absolut überzeugt davon waren, dass man in Schottland einfach überall stehen darf, wo es einem gefällt. Dem ist aber definitiv nicht so!

Freistehen in Schottland – Was ist verboten, was ist erlaubt?
Mit einem motorgetriebenen Gefährt darf man in Schottland die Straße nicht verlassen und es ist eine Straftat, wenn man sich damit auf Gemeinschaftsland, Moorland oder Land anderer Art, das nicht Teil einer Straße ist, oder auf einer Straße, die ein Fußweg, Reitweg oder eine beschränkte Durchgangsstraße ist, bewegt. Zum Parken darf man sich bis zu 14 Meter von der Straße entfernen. Es besteht allerdings kein Recht darauf auf privatem Land irgendwo zu parken und es ist eine Straftat, wenn man damit Zufahrten blockiert oder jemand anderen in Gefahr bringt.
Übernachten auf Privatgrund
Das Übernachten in einem Fahrzeug auf Privatgrund ist grundsätzlich verboten. Dabei sollte man wissen, dass praktisch jedes Fleckchen Erde, außerhalb von öffentlichen Parkplätzen jemandem gehört. Faktisch begeht man in diesem Fall also Landfriedensbruch. Vor allem bei Apps, wie Park4Night muss man diesbezüglich sehr aufpassen.
Prinzipiell erlaubt – das Übernachten auf gekennzeichneten, öffentlichen Parkplätzen
Rechtlich gilt auf öffentlichen Straßen in Schottland die Straßenverkehrsordnung. Diese besagt, dass man auf einem öffentlichen Parkplatz in einem Fahrzeug übernachten darf, um die Fahrtüchtigkeit wiederherzustellen. Man muss dabei im Fahrzeug bleiben, darf keine Markise oder ähnliches ausfahren, Stühle vor die Tür stellen oder draußen kochen. Das wäre dann Camping und ist verboten.
Man muss außerdem die dort geltenden Parkbedingungen einhalten, die dort gültigen Parkgebühren entrichten und darf niemanden behindern. Gemeinden können hier aber eigene Regeln aufstellen, was zunehmend auch geschieht – vor allem an den touristischen Hotspots.
Steht also irgendwo ein Schild, dass das Übernachten verboten ist, darf man hier nicht über Nacht stehen. In manchem Fällen ist es nicht gleich offensichtlich und man muss sich eine Menge Text bis zum Ende durchlesen…
Soweit zu den rechtlichen Grundlagen. Doch was nicht ausdrücklich verboten ist, ist nicht unbedingt erwünscht! Damit kommen wir zum zweiten Teil meiner Ausführungen und Überlegungen zum Freistehen in Schottland.

Covid und die Folgen des zunehmenden Tourismus in Schottland
Der Tourismus in Schottland ist in den letzten 10 Jahren geradezu explodiert. Ein Grund dafür ist die Serie Outlander, deren 1.Staffel 2015 ausgestrahlt wurde, ein weiterer Social Media. Die Infrastruktur konnte mit der Entwicklung nicht mithalten und dann kam auch noch Corona…Vor allem die infrastrukturell unterentwickelten Regionen im Nordwesten waren zunehmend überfordert.
Dazu kommt, dass das Reisen mit dem Wohnmobil ebenfalls einen beispiellosen Boom erlebt. Allein in Deutschland sind die Zulassungen für Wohnmobile von 390.000 in 2015 auf über 1.000.000 in 2025 gestiegen. In den Coronajahren war außerdem das Reisen mit dem Wohnmobil die einzige Möglichkeit, da Hotels und andere Unterkünfte geschlossen waren. Man durfte das Land nicht verlassen und alle Briten fuhren statt nach Frankreich oder nach Spanien, nach Schottland in den Urlaub.
Das Trauma
Seitdem ist Vieles anders in den schottischen Highlands. 2015 wurde das freie Stehen oder Übernachten auf Parkplätzen noch weitgehend toleriert, ohne großes Aufsehen zu erregen – das ist inzwischen nicht mehr so. Vor allem an den touristischen Hotspots, zu denen z.B. die NC 500, die Isle of Skye, die Küste von Morar, Fort William und Umgebung, inklusive Glen Coe und Glen Etive gehören, sind die Anwohner gelinde gesagt äußerst genervt, man könnte auch sagen stinksauer.
Rücksichtslose Wohnmobilreisende hinterließen überall ihren Müll, kippten Chemieklos in die Landschaft, blockierten Parkplätze und Zufahrten, stellten sich frech neben Wohnhäuser auf Privatgrundstücke oder neben Friedhöfe und hängten dort ihre Wäsche über die Mauern. Bestimmt habe ich noch ein paar Dinge vergessen zu erwähnen, die man auf speziellen Facebookseiten der Anwohner finden kann oder erzählt bekommt, wenn man mit den Menschen vor Ort spricht.
Vor allem an der NC500 sind die Menschen frustriert, dass Wohnmobilfahrer die einspurigen Straßen verstopfen, nicht richtig rangieren können und Einheimische nicht überholen lassen. Außerdem bringen sie alles mit, was sie brauchen, tragen damit nichts zur lokalen Wirtschaft bei und lassen nur ihren Müll da. Wollen noch die Übernachtungskosten auf einem Campingplatz sparen…Übertrieben? – Nein, wir haben es selbst erlebt und gesehen.
So mancher leiht sich auch ein Womo im Land, ist so ein Ding noch nie gefahren, beziehungsweise hat keinerlei Erfahrung mit dem Unterwegssein mit einem solchen Gefährt auf engen Straßen und abgelegenen Regionen mit äußerst fragiler Infrastruktur.
Als Folge gilt inzwischen auf immer mehr Parkplätzen Übernachtungsverbot und es gibt Höhenbeschränkungen.
Abgesehen von alldem, kommt noch die schiere Menge dazu. Kein Wunder, dass es den Menschen einfach zu viel wird und sich die Atmosphäre in den letzten Jahren grundlegend geändert hat. Im Übrigen nicht nur in Schottland.

Und hier kommt für mich die eigentlich entscheidende Frage ins Spiel:
Muss man unbedingt alles machen, was erlaubt ist?
Wir, für unseren Teil, haben beschlossen, dass wir es nicht mehr tun.
Wir wollen kein Ärgernis sein. Wir wollen so wenig wie möglich Teil des Problems sein.
Wir wollen respektvoll mit den Ländern umgehen, die wir bereisen. Dazu gehört, dass wir der Natur nicht schaden und genauso, dass wir die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen achten, die dort leben.
Es gibt immer noch Gegenden in Schottland, wo man auch mal eine Nacht auf einem Parkplatz stehen könnte, ohne dass es jemanden interessiert. Doch an den Orten, die die meisten von Euch sehen wollen und die entsprechend frequentiert sind, ist es überhaupt nicht mehr cool, denn wir sind einfach zu viele und es gibt zu viele, die nicht über ihre eigene Nasenspitze hinaussehen und sich nicht zu benehmen wissen.
Ja, das seid vielleicht nicht ihr, die ihr gerade diesen Artikel lest – aber, ob wir wollen oder nicht, sind wir Teil dieser Kohorte. Der Mensch vor Ort weiß nicht ob du einer von den Guten bist.
Und dass einen niemand direkt anspricht, heißt noch lange nicht, dass man sich mit seinem Verhalten beliebt macht. Wer das nicht sehen will, schaut einfach nicht richtig hin, oder will es nicht wissen.
Wir lieben dieses Land und deswegen fragen wir nicht nur danach, was erlaubt ist, sondern was erwünscht ist oder eben auch nicht. Deshalb nutzen wir inzwischen ausschließlich ausgewiesene Stellplätze. Bewusst und freiwillig – Ehrensache.
Ich verstehe den Wunsch nach Spontanität und Freiheit im Urlaub absolut, das könnt ihr mir glauben. Gerade deswegen lieben wir ja das Reisen in einem Camper oder Wohnmobil.
Nach all den vielen Horrorszenarien auf Facebook über die Jahre haben wir 2024 wirklich gezweifelt, ob wir noch nach Schottland fahren sollen. Aber die Sehnsucht hat gesiegt und dann haben wir es einfach versucht.
Es war Hauptsaison in Schottland – und es war kein Problem. Ich muss aber dazu sagen, dass wir uns gut dort auskennen, seit 20 Jahren mit unserem Camper unterwegs sind und ich einfach einen guten Riecher, eine gute Intuition habe, die mich meist zur richtigen Zeit an den richtigen Ort führt.
Wäre ich zum ersten Mal dort und wollte an all die Plätze, an die alle anderen auch wollen, würde ich schon gut planen und auch vorbuchen. Das ist eben so, nicht zu vermeiden und gilt nicht nur für Schottland. Es ist einfach eine Folge des zunehmenden Tourismus weltweit.
Wir stellten dann aber auch fest, dass sich wirklich viel getan hat in puncto Stellplätze. Inzwischen gibt es unzählige Möglichkeiten, abgesehen von Campingplätzen, die man spontan anfahren kann. Da sind die Stay the Night Plätze der Forstbehörde, meist wunderschön gelegen im Wald, es gibt Kommunen, die Stellplätze ausweisen, es gibt Stellplätze auf Farmen und Mini Campsites mit maximal 5 Plätzen. Am Ende viele Orte, mitten in der Natur, an denen man sich genauso frei fühlen kann, wie wenn man freistehen würde – nur besser, weil man kein schlechtes Gewissen haben muss.
Warum also Ärger verursachen? Das macht keinen Sinn.

Die finanzielle Seite
Ja, diese legalen Orte kosten in der Regel ein paar Pfund, aber meist nicht die Welt. Das ist für mich völlig in Ordnung. Ich finde es wichtig dem Urlaubsland etwas zurückzugeben. Die Menschen dort heißen mich willkommen in ihrem Land, auf ihrem Land, stellen all diese Möglichkeiten zur Verfügung, dafür gebe ich gerne etwas. Und ich kaufe auch immer vor Ort ein. Am Ende muss es einfach für alle stimmen. Das Leben ist Geben und Nehmen und solange das im Gleichgewicht ist, funktioniert es.
Oh je, das ist jetzt schon wieder viel länger geworden, als gedacht und ich wollte Euch noch ein paar konkrete Tipps geben, wie ihr all diese tollen Plätze finden könnt – und wie man sich unterwegs am besten verhält. Da gibt es dann wohl noch einen zweiten Teil…Coming soon 😊.
Weitere nützliche Infos im Flyer des Highland Council: https://www.highland.gov.uk/downloads/file/2309/enjoying-the-highlands-in-your-motorhome-or-campervan-german
Wie denkt Ihr über das Thema? Was sind Eure Erfahrungen? Hinterlasst mir gerne einen Kommentar.









3 Kommentare
Anja
das mit dem Lidl hatte ich vor ewiger Zeit auch mal zufällig entdeckt, allerdings sind wir immer maximal drei Wochen in Schottland und da geht morgens auch englisches Brot. Abends gehen wir essen oder kochen. Letztes Jahr hatte ich mir Knäckebrot mitgenommen und habe es wieder mit nach Hause gebracht *lol*.
Anja
Hallo Barbara,
vielen Dank für diesen tollen und ausführlichen Bericht.
Wir selber waren nur einmal mit dem Wohnwagen in Schottland. Das war 2015 und damals haben wir eine Großbritannien Rundreise gemacht. Schottlandtechnisch sind wir da nur bis zu den Lowlands gekommen und hatten auf Campingplätzen reserviert.
Seit dem haben wir immer in Ferienwohnungen und Hotels übernachtet. Was ich sehr interessant finde ist, was du zum lokalen Einkaufen schreibst. Wir würden nie auf die Idee kommen uns Lebensmittel mitzubringen. Wir finden es gerade gut wenn wir in Schottland sind auch schottisch zu essen (bis auf das Brot vlt. *lol*).
Liebe Grüße
Anja
Barbara
Oh ja, das Brot…da werde ich auch sämtlichen Prinzipien untreu. Vor allem, weil wir ja auch immer relativ lange unterwegs sind. Aber irgendwann kriegt man das britische Brot kaum noch runter und man kann Mengen davon essen und wird nicht satt :-). Tatsächlich gibt es aber bei Lidl richtiges „deutsches“ Brot. Wir kaufen sonst nicht bei Lidl, aber nachdem ich das irgendwo auf FB gelesen hatte, haben wir es dann probiert.