Calais
Es ist zum Verzweifeln – wir kommen einfach nicht weg. So haben wir uns noch nie verkalkuliert. Am Montag wollten wir eigentlich fahren, am Ende wurde es dann Donnerstag. Alles vorbereiten für 2 ½ Monate Abwesenheit, Garten, Haus – Haus komplett grundreinigen für den Haussitter – Garten, so dass nur gegossen und geerntet werden muss – das war echt nicht ohne. Alles vorbereiten dafür, auch von unterwegs Zugriff auf die wichtigsten Dinge zu haben, Konten, E-mails, etc.
Jeden Tag dachte ich, jetzt ist es fast geschafft und dann war wieder ein Tag um und die Liste nicht abgearbeitet. Zum Glück hatte unser Haussitter kein Problem damit. Sie machte sowieso bei ihrer Mutter im Nachbarort Station, musste auch dort den Kater füttern und die war bis Donnerstag in Urlaub. Am Ende hat es eigentlich perfekt gepasst, auch wenn es für uns Stress pur war und wir beide mit unseren Kräften dann komplett am Ende.
Manchmal hatte ich das Gefühl, Zuhause lässt uns nicht los, wir kleben irgendwie fest.
Am Abend hatten wir dann noch festgestellt, dass mein neues Notebook sich nicht mit unserem Ladekabel fürs Auto laden lässt, also mussten wir unterwegs in Kehl zum Elektronikfachmarkt und ein passendes besorgen. Auch am ersten Tag zieht es sich also noch wie Kaugummi in die Länge, bis wir endlich auf dem Weg nach Calais sind. Zum Glück ist Frankreich immer sehr cool zu fahren. Die Autobahnen sind gut in Schuss und leer. Selten fährt man irgendwo in Europa so entspannt lange Strecken wie in Frankreich. Auch der Standplatz für die Nacht, den ich mir ausgesucht hatte, passt gleich, und es sind nur 15 Minuten Fahrt bis zum Terminal des Eurotunnels. Endlich fängt es an zu laufen, wie es soll. Auch die Buchung funktioniert einwandfrei noch am Abend online und, obwohl schon Ferienzeit ist, sind zu den meisten Zeiten am nächsten Morgen auch noch Plätze verfügbar. Das Abenteuer kann also beginnen!

Le Shuttle
Am Morgen sind wir früh genug wach um noch unseren Morgentee zu trinken. Dann geht es los zum Shuttle, wie der Eurotunnel jetzt heißt. Wir wollen rechtzeitig da sein, da wir uns vor Ort nicht auskennen und nicht wissen wie es genau läuft. Bisher sind wir immer mit der Fähre übergesetzt, diesmal wollen wir den Tunnel ausprobieren. Leider ist die Webseite bezüglich der konkreten Abläufe nicht besonders aufschlussreich. Letztlich sind wir 1 ½ Stunden vor Abfahrt vor Ort und das Einchecken geht ganz easy vollelektronisch. Unser Nummernschild wird automatisch erkannt und wir bekommen am Automaten unsere Bordkarte.
Tja, und dann stehen wir da, kein Mensch zu sehen. Vor dem Terminalgebäude ist ein Parkplatz mit großer Anzeigetafel und wir halten erstmal an. Menschenleer am Morgen, ab und zu fährt ein Auto Richtung Zollkontrollen vorbei. Unser Zug ist noch nicht aufgerufen worden. Dürfen wir jetzt schon durch die Grenzkontrollen? Gibt es dahinter noch einen Parkplatz zum Warten? Wie läuft das hier? Weder der Onlinechat noch die Servicenummer funktionieren um zu fragen.
Wir dachten, wir stehen dann irgendwann in einer Warteschlange, wie bei der Fähre und können dann ganz entspannt frühstücken bis das Boarding beginnt. Der Plan ist jetzt gerade dahin. Also entscheiden wir uns einfach durch die Kontrollen zu fahren und den Rest auf uns zukommen zu lassen. Die Briten sind nett und höflich wie immer, machen Smalltalk, nehmen es aber sehr genau mit den Kontrollen, das dauert. Danach wird uns von einer freundlichen Dame eine Wartereihe zugewiesen. Bis auf die Grenzer, das erste menschliche Gesicht, das wir hier am Terminal sehen. Auch sie weiß scheinbar automatisch wer wir sind und welchen Zug wir gebucht haben.
Endlich frühstücken, denken wir. Unser Zug soll in etwa einer Stunde gehen. So hatten wir es geplant. Doch kaum stehen wir zwei Minuten, geht es auch schon weiter und wir werden an Bord gelotst. Es ist so wenig los, dass sie uns schon früher mitnehmen, also müssen wir die Reise unter dem Meer wohl ohne Frühstück antreten.
Die Abteile sind großzügig und hell, kein Gefühl von Enge. Man wird eingewiesen, die Zwischenwände, die den Zug in Abteile unterteilen schließen sich. Dann beginnt es ein wenig zu schaukeln, eben wie in einem Zug, ansonsten bemerkt man kaum, dass man fährt und schon gar nicht, dass man sich 75 Meter unter dem Meeresboden befindet.
Bisher konnte ich mir nie vorstellen durch den Tunnel auf die Insel zu fahren. Ich stellte mir vor, es wäre eng und bedrückend, wie in einem Autotunnel, so wie zum Beispiel im Gotthardt. Ich hasse den Gotthardttunnel, er ist gruselig. Wenn es geht, fahre ich lieber über den Pass.
Aber nichts dergleichen im Eurotunnel. Wirklich cool und bevor man es sich versieht, ist man auch schon durch und wieder draußen. Offiziell sollten es 35 Minuten sein, mir schien, es ging viel schneller. Die Kosten sind etwas höher, aber wenn es auf ein paar Euro hin oder her nicht ankommt, würde ich in Zukunft immer wieder den Shuttle nehmen. Es ist so viel bequemer und schneller als die Fähre. Man fährt rein, bleibt einfach sitzen und fährt nach maximal einer halben Stunde wieder raus, fertig.
Der einzige Nachteil: Man verpasst den Anblick der weißen Klippen bei der Anfahrt auf Dover. Das war für mich bisher immer ein besonderer Moment.

England voll und anstrengend – alles wie immer
Die Fahrt durch Süd- und Mittelengland ist wie immer stressig. Die Umstellung auf Linksverkehr problemlos. Es staut zum ersten Mal beim Themsetunnel, wie eigentlich immer. Die Buchung klappt mal wieder nicht online, auch wie immer. Willkommen in England.
Dafür freue ich mich, wie immer, über die hervorragende Beschilderung auf der Autobahn. Zu irgendwelchen Orten, die man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht auf Karten findet, wenn man sich in der Region nicht auskennt, steht an jedem Autobahnkreuz immer noch die Himmelrichtung. Also zum Beispiel M1 (North). Ist man also zumindest soweit orientiert, dass man weiß, man möchte in den Norden, kann kaum etwas schiefgehen.
Früher hat mich das gerettet, heute fährt man mit Navi, oder wie wir, mit GPS auf unserem Tablet. Aber ich freue mich trotzdem jedes Mal, weil ich es einfach liebe, wenn Menschen ihrem schöpferischen Potential gerecht werden und etwas so gut machen, wie man es eben machen kann.
Viel Verkehr auf der M1 und A1, es ist Freitagnachmittag, viele Baustellen. Meistens versuchen wir bis nach Leeds durchzuhalten. Hat man mal die Industriestädte Mittelenglands hinter sich, egal ob auf der Westroute über Manchester und Birmingham oder auf der Ostroute, die wir in der Regel fahren, wird es leerer. Für heute haben wir aber genug und entschließen uns kurz nach Leeds bei Ripon rauszufahren und in den Yorkshire Dales zu übernachten. Das kann man sich erlauben, wenn man, wie wir endlich genug Zeit hat 😊. Ich habe einen hübschen kleinen Parkplatz am Gouthwaite Reservoir, an der Grenze des Nationalparks gefunden, auf dem man gegen eine Spende eine Nacht im Van verbringen kann. Der Tag geht so gut zu Ende, wie er angefangen hat.








